Offene Wunden

Viele Nationen leben mit einer Wunde, die Ihnen zu schaffen macht – eine Wunde der Schande. Es sind dies Ereignisse, über die am Liebsten geschwiegen würde, die aber doch immer wieder zur Sprache kommen. In den USA ist dies der Vietnamkrieg, in Deutschland sind es die Kriegsverbrechen und die Judenvernichtung, in Frankreich die Kollaboration mit den Deutschen und der Algerienkrieg. Die Tschechen wurden nach der Wende mit der Vertreibung der Deutschen konfrontiert. Wir stellen heute ausnahmsweise einen Aufsatz vor, der nichts mit Saaz oder den Deutschen in Böhmen zu tun hat, aber doch beide, Tschechen und Deutsch-Böhmen angeht. Eine Deutsch-Französin schreibt darin über die „Algerische Wunde“. Sie zeigt, wie schwer es oft ist, die Wahrheit zu ertragen und dass es offensichtlich junge Leute braucht, um der Vergangenheit mutig ins Gesicht zu sehen.

Die Algerische Wunde

Von Cécile Calla | Süddeutschen Zeitung 27. Februar 2017

Cécile Calla war Korrespondentin der französischen Tageszeitung Le Monde und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins ParisBerlin.

Es gibt derzeit eine Diskussion in Frankreich, die scheint in der deutschen Öffentlichkeit fast unbemerkt geblieben zu sein. Während eines Besuches in Algerien Mitte Februar bezeichnete der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron die Kolonisierung als ein Verbrechen gegen die Menschheit und forderte, der französische Staat müsse sich dafür offiziell entschuldigen. Das rief Entrüstung im rechten Lager, Verwunderung bei den anderen Kandidaten für den Elysée-Palast und eine heftige Debatte quer durch die Medien aus. Man kann darüber streiten, ob dieser Begriff angemessen war, oder ob er dies heikle Thema nicht besser in Frankreich hätte ansprechen sollen. Dennoch war es mutig, denn damit hat er den Finger in eine der schmerzlichsten Wunden der französischen Nation gelegt. Die Kolonisierung und ihr Ende, der Algerienkrieg, gehören zu einer Vergangenheit, die noch nicht bewältigt ist.

Die Erinnerung daran schmerzt auch heute noch, weil Millionen Franzosen einen persönlichen Bezug zu der Geschichte haben, sei es durch ihre algerischen Wurzeln, ihre Erfahrung als Soldat oder weil sie als pied-noir (Franzosen aus Algerien) dort aufgewachsen sind. Es erklärt zum Teil die Spaltung der französischen Gesellschaft, die Ausschreitungen in den armen Banlieues, wo überdurchschnittlich viele Menschen aus dem Maghreb wohnen, und die autoritären Tendenzen, die besonders, aber nicht nur in der rechtsextremen Partei Front National aufscheinen. Mitte Februar waren wieder einige Vorstädte in Aufruhr, nachdem ein junger Schwarzer von der Polizei Anfang Februar schwer misshandelt worden war. Seit der Affäre, die Solidaritätsdemos in vielen Städten ausgelöst hat, stellt sich wieder die Frage nach dem Fortbestehen, wenn auch nur vereinzelt, eines postkolonialen Rassismus innerhalb Frankreichs.

Generationen französischer Kinder – und zu denen gehöre ich – wurde allzu lange eine einzige Perspektive vermittelt: die „Größe“ des französischen Kolonialreichs und die Vorzüge dieses „zivilisatorischen“ Prozesses für die Kolonien mit dem Aufbau von Infrastruktur, einer modernen Landwirtschaft, einem modernen Staatsapparat und anderem. Die dunklen Seiten, Massaker, Repression, Diskriminierung der dortigen Bevölkerung – alles Verstöße gegen die Menschenrechte – wurden kaum und nur am Rande erwähnt.

Befürworter eines französischen Algerien verhalfen dem Front National zu ersten Erfolgen

Von allen Kolonien hat Frankreich zu Algerien die emotionalste und zugleich schwierigste Beziehung. Algerien war nicht nur eine der ältesten Kolonien, 1848 bekam es den Status eines französischen Départements, es wurde auch sehr früh von Franzosen bewohnt. Etwa eine Million Franzosen lebten 1954 bei Ausbruch des Krieges in Algerien. Die Städte, Landschaften und Kultur prägten die Welt vieler Schriftsteller und Romane wie „Der Fremde“ von Albert Camus. Der Algerienkrieg und die Perspektive der Unabhängigkeit spaltete Frankreich, besiegelte das Ende der Vierten Republik und löste eine Gewaltwelle auf beide Seiten des Mittelmeeres aus. Die französische Armee und die Polizei scheuten nicht vor brutalen Methoden, auch der Folter zurück.

Auch das Ende des Konflikts war kein Ruhmesblatt. Ein Teil der frankreichtreuen Algerier, die in der französischen Armee dienten – die „Harkis“, wurde nach Frankreich in unwürdige Lager gebracht, während die anderen im Stich gelassen und oft von den Truppen der Nationalen Befreiungsfront (FLN) massakriert wurden. Etwa 800 .000 pieds noirs kehrten in ein überfordertes Mutterland zurück. Eine Amnestie wurde erlassen, mit der Folge, dass sich ein schamhaftes Schweigen für die zwei folgenden Jahrzehnte ausbreitete. Erst in den 1980er-Jahren, in denen der mit vielen Befürwortern eines französischen Algerien 1972 gegründete Front National seine ersten Wahlerfolge erlebte, schaffte sich diese Geschichte langsam einen Weg in das kollektive Bewusstsein.

Der entscheidende Schritt kam aber erst in den 1990er-Jahren, als sich viele Historiker mit dem Thema befassten. 1999 sprach die Assemblée Nationale zum ersten Mal offiziell von einem „Krieg“. Im Folgejahr löste das Geständnis eines ehemaligen Generals über die Praxis der Folter in der französischen Armee eine heftige Diskussion aus. Im vorigen September machte Präsident François Hollande offiziell die französischen Regierungen (und nicht den französischen Staat) verantwortlich für das tragische Schicksal der Harkis.

Der Prozess der Verdrängung lässt sich illustrieren am Beispiel der Nacht des 17. Oktober 1961. Die Pariser Polizei, die unter dem Befehl des Präfekten Maurice Papon (1998 für Verbrechen gegen die Menschheit während der deutschen Besatzung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt) stand, schlug eine friedliche Versammlung von Algeriern, die trotz Ausgangssperre demonstrierten, blutig nieder. Es gab Tote, Verletzte, viele Verschwundene und Tausende Verhaftungen. Und das mitten in der Hauptstadt. Offiziell sprach die Polizei von sieben Toten, erst 1998 wurde die Zahl auf 32 korrigiert. Die endgültige Zahl, – manche Historiker sprechen von bis zu 200 Toten – bleibt umstritten. Trotzdem verschwand dieses Ereignis für mehr als 30 Jahre aus dem kollektiven Bewusstsein. Erst 1999 bezeichnete ein Pariser Gericht dieses Ereignis als Massaker, 2001 wurde von der Stadt Paris eine Gedenktafel auf der Brücke St. Michel eingeweiht.

Das rechtskonservative Lager kritisiert scharf die „Kultur der Reue“

Bis heute hat der französische Staat seine Verantwortung für dieses Massaker nicht anerkannt, Präsident Hollande erkannte 2012 nur die blutige Repression an. Wahrscheinlich wegen seines jungen Alters (39 Jahre) fühlt sich Macron nicht mehr an dieses Schweigen gebunden und kann solche Aussagen machen. Vielleicht dachte er auch an Deutschland, das als Vorbild für eine gelungene Auseinandersetzung mit seiner Nazivergangenheit gilt. Der Pro-Europäer Macron schien beeindruckt zu sein von der deutschen Gesellschaft, die trotz des Anschlags im Dezember standhaft blieb. Im rechtskonservativen Lager kritisiert man scharf diese „Kultur der Reue“. Vergangenen Herbst forderte der Kandidat der Konservativen, François Fillon, einen Geschichtsunterricht, der die „nationale Erzählung“ den kleinen Franzosen beibringt, damit sie einig und stolz auf ihr Land blicken können. Marine Le Pen, die derzeit in den Umfragen führt, würde es kaum besser formulieren.

Bleibt abzuwarten, ob die Franzosen tatsächlich weiter dieser Lektüre der Vergangenheit folgen möchten oder ob sie sich mutig ihrer Geschichte in allen Aspekten stellen wollen und dadurch mit mehr Vertrauen in die Gegenwart und Zukunft schauen. Anfang Mai wird Frankreich zeigen, wohin die Reise führt.

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