Adalbert Wollrab: Versöhnung durch Wahrheit

Von Adalbert Wollrab

Bericht über die Gedenkfeier für die ermordeten Postelberger und Saazer am 19. September 2002

Prof. Dr. rer. nat. Adalbert Wollrab

Prof. Dr. rer. nat. Adalbert Wollrab

Die deutsch-tschechischen Beziehungen haben zurzeit, vor allem durch hasserfüllte Äußerungen tschechischer Politiker, zweifellos einen Tiefstand erreicht. Darum ist es bemerkenswert, dass es auf unterer Ebene von tschechischer Seite doch vereinzelt positive Signale gibt. Dabei geht es auch um Stimmen, die eine wahrheitsgemäße Aufarbeitung der neueren tschechischen Geschichte anstreben. Um ein solches Signal ging es bei einer Trauerfeier für die im Sommer des Jahres 1945 ermordeten deutschen Saazer in Saaz und Postelberg. Bei diesem Massenmord handelt es sich um eines der größten Massaker der Nachkriegsgeschichte. Es waren etwa 5.000 Saazer Männer und Knaben, die seinerzeit den Todesmarsch von Saaz nach Postelberg antreten mussten. An die 800 Männer wurden in Postelberg zu Tode gequält oder erschossen und in Massengräbern in der Nähe von Pos­telberg verscharrt.

Das Veranstaltungsprogramm sah am 19. September 2002 für Vormittag in Saaz einen Augenzeugen­bericht von Peter Klepsch vor, dann, noch vormittags, eine Kranzniederlegung im Fasanengarten bei Postelberg, wo viele unserer ermordeten Saazer Landsleute verscharrt worden waren. Für Nachmittag war eine Pressekonferenz in einem Saal des Hotels Motes in Saaz anberaumt. Die Veranstaltung erfolgte unter dem Motto „Versöhnung durch Wahrheit”. Träger der Veranstaltung waren der Verein der „Landsleute und Freunde der Stadt Saaz” (Sdružení rodáků a přátel města Zatce, im weiteren Text als Rodáci bezeichnet) und der Kulturkreis Saaz e. V. Roth. Die Anreise der deutschen Teilnehmer an dieser Veranstaltung erfolgte am Mittwoch, den 18. September 2002, und abends um 18 Uhr fand eine gemeinsame Sitzung der Vorstände beider Vereine statt.

Am Donnerstag, den 19. September 2002 versammelten sich die Teilnehmer, bestehend aus einer Delegation des Saazer Kulturkreises und einiger Mitglieder der Vereinigung Rodáci bei der Pestsäule am Marktplatz von Saaz. Anwesend waren auch die amtierende Postelberger Bürgermeisterin, Journalisten und Fotografen. Vertreten waren Zeitungen aus Laun|Louny, Saaz|Žatec, Aussig|Ústí nad Labem, die ČTK (tschechische Presseagentur), die „Frankfurter Allgemeine” und die „Sudetenpost”. Zu den Teilnehmern zählte auch Herr Architekt Heinzel, dessen Vater einer der ermordeten Saazer war.

Versammlung an der Saazer Pestsäule

Versammlung an der Saazer Pestsäule

Unser Landsmann Peter Klepsch gab einen Augenzeugenbericht über die Geschehnisse:

Am 3. Juni 1945 wurden die Männer von Saaz auf dem Marktplatz unter Schlägen zusammengetrieben. Hier fing das Morden schon an. Ein zu spät Gekommener wurde erschossen. Mit einem Motor­rad fuhr man mehrmals über dessen Leiche. Es folgte der Todesmarsch von Saaz nach Postelberg. Auf dem gepflasterten Hof der alten Kavalleriekaserne in Postelberg mussten die Männer und Burschen bei Tag stehen oder auf dem Boden sitzen. In der ersten Nacht mussten sie auf dem Pflaster des Kasernenhofes liegen. Nach einem missverstandenen Befehl wurde von einer Seite auf die Leute, die sich bereits erhoben hatten geschossen, wobei es den ersten Schwerverletzten gab, der unversorgt mehrere Tage auf dem Kasernenhof lag und dann einen Gnadenschuss erhielt.In den folgenden Nächten presste man die meisten, die noch lebten, in Kasernenräume, wo es so eng war, dass sie nur stehen konnten. An Hitze und Sauerstoffmangel starben einige, vor allem Herzkranke und Asthmatiker, andere zeigten Zeichen des Wahnsinns. Mit einigen anderen Jungen zwängte ich mich durch eine Luke in den nebenliegenden Küchenraum. Die Wachen schossen und warfen Handgranaten in den Raum. Ich wurde von einem Splitter am Bein verletzt. Am Ende des Kasernen­hofes war ein Maschinengewehr aufgestellt. Der Lagerkommandant, ein Polizist namens Marek saß zu Gericht. Als ich vorgeführt wurde und mich beklagte, dass ich bei den Nazis im Gefängnis war und jetzt wieder gefangen wäre, erhielt ich von Marek nur Stockschläge.Schon vor dem wurden Ärzte, Techniker, die dringend gebraucht wurden, und auch einige mit Jüdinnen verheiratete Männer [zur Arbeit] abgeholt. Den Tag danach wurden Männer selektiert, solche, die einer NS-Organisation oder der ehemaligen Sudetendeutschen Partei angehörten, und auch Offiziere der Wehrmacht, Verwaltungsbeamte, Richter und Lehrer. Etwa 600 Männer wurden in einen Kasernentrakt geführt, den man als ‚Todesblock‘ bezeichnete. In der Zeit meines Martyriums in der Kaserne war ich auch Augenzeuge, wie fünf Jungen im Alter von vierzehn Jahren ausgepeitscht und dann erschossen wurden. Den Jungen wurde zur Last gelegt, dass sie, um ihren Hunger zu stillen, über den Lagerzaun geklettert waren und unreife Äpfel pflückten. Drei Väter der Jungen mussten zusehen, wie man ihre Kinder misshandelte und dann erschoss. Einer der Jungen flehte um sein Leben, einem schoss bei jedem Pulsschlag Blut aus dem Hals. Die fünf Jungen wurden in einen Splittergraben geworfen, fünf weitere Leichen kamen dann im Laufe des Tages noch dazu.Schon am Dienstagabend und in den folgenden Nächten trieben die Wachen jeweils Gruppen von fünfzig bis sechzig Leuten in den Wald, die Soldaten kamen allein zurück. Über 500 Leichen von Saazer Männern lagen dann verscharrt im Lewanitzer Fasanengarten. Die Überlebenden des Massakers wurden von bewaffneten Wachen am 7. Juni auf der Straße nach Saaz zurückgeführt. Den Kapuzinerpater (Guardian) [Maximilian Josef Hilbert] erschoss man, als er auf diesem Marsch nicht weitergehen konnte. Man ließ ihn im Straßengraben liegen.

Diesen Bericht übersetzte ich simultan in die tschechische Sprache. Bei der Schilderung von Peter Klepsch über die damaligen Vorgänge sah ich, dass auch die Gesichter der anwesenden tschechischen Teilnehmer sehr ernst und betroffen wirkten.

Kranzniederlegung im Postelberger Fasanengarten

Kranzniederlegung im Postelberger Fasanengarten;
vorne Peter Klepsch

Mit Autos fuhren dann alle Teilnehmer in den Fasanengarten bei Postelberg, wo eine Kranzniederlegung erfolgte. Die Teilnehmer versammelten sich zunächst dort, wo sich im Sommer 1945 das Postelberger Frauenlager befand. Gemeinsam ging man dann an den Waldrand des Fasanengartens, wo die Kranzniederlegung stattfand. An dem Trauerakt nahm auch die Postelberger Bürgermeisterin Bedřiška Zakouřilová teil. Der Kranz des Saazer Kulturkreises wurde vom Sprecher des Saazer Heimatkreises, Peter Klepsch niedergelegt und trug Schleifen mit der Aufschrift „Den Toten vom Sommer 1945″ und „Die überlebenden Saazer”. Horst Mück aus Österreich legte den Kranz der Österreichischen Sudetendeutschen Landsmannschaft nieder. Auf der Kranzschleife stand ein einziges Wort: „Unvergessen!” Der Vorsitzende der Rodáci [Petr Šimáček] legte einen Blumenstrauß an die Gedenkstätte. Einige Minuten gedachten die an der Trauer­stätte Weilenden in tiefer Ergriffenheit schweigend der Toten. Nach dieser sehr pietätvollen Handlung fuhren wir wieder zurück nach Saaz.

Jaroslav Venclík im Gespräch mit Peter Klepsch, daneben Professor Herbert Voitl

Jaroslav Venclík im Gespräch mit Peter Klepsch, daneben Professor Herbert Voitl

Um 14 Uhr nachmittags versammelten sich die Teilnehmer und die Presseleute in einem Saal des Hotels Motes in Saaz zu einer Pressekonferenz. An dieser nahm auch der amtierende Bürgermeister der Stadt Saaz Ing. Jiří Farkota, der Stellvertreter des Bürgermeisters Aleš Dvořák und die amtierende Bürgermeisterin der Stadt Postelberg Bedřiška Zakouřilová teil. Vladimír Halamásek, ein Vorstandsmitglied des Vereins Rodáci, moderierte die Pressekonferenz. Es folgte eine Ansprache unseres Saazer Heimatbetreuers Peter Klepsch, der hervorhob, dass die Spitzen des NS-Regimes in Saaz schon vor dem 8. Mai geflohen waren und dass die Massaker in Saaz und Postelberg unschuldige Leute traf. In den Mauern der Heimatstadt Saaz war der Naziterror unsichtbar gewesen und hatte außer die verschwundenen Juden niemand getroffen. Er wies darauf hin, dass Deutsche und Tschechen zwar eine verschiedene Sprache, aber eine gemeinsame Kultur haben. Seine Rede habe ich simultan ins Tschechische übersetzt.

Ein Mitglied des Vorstandes der Rodáci , Jaroslav Venclík, ein ehemaliger Insasse des KZ Flossenbürg, hielt ebenfalls eine Rede, in der er feststellte, dass es unmittelbar nach Beendigung des Krieges im Mai und Juni 1945 in Böhmen und Mähren zu Exzessen kam, die man nicht mit der Hand wegwischen, unter den Teppich kehren und entschuldigen kann. Im Fall von Postelberg ging es am 4., 5. und 6. Juni 1945 nicht nur um eine wilde Vertreibung eines Teils der deutschen Bevölkerung von zirka 5.000 Menschen, sondern um Massenmorde, einschließlich von fünf fünfzehnjährigen und sechzehnjährigen Jugendlichen. Die Bilanz des Massakers bewege sich in der Größenordnung von 600 bis 800 Opfern. Er führte weiter aus:

Es bleibt ein ernsthafter Fehler, dass in den ganzen Jahren unsere Regierung und auch die einfachen Menschen nicht diesem verwerflichen Akt die Stirn geboten haben bzw. diesem entgegengetreten sind und nicht einmal in moralischer Form diese Unrechtstat verurteilten. Es ging um einen Akt nach Kriegsende, der verwirklicht wurde in einer Art, den wir gerade den nazistischen Okkupanten vorwerfen. Man kann dies in keinem Fall entschuldigen oder sogar verschweigen.

Prof. Dr. Herbert Voitl ergriff unmittelbar darauf das Wort und bemerkte, dass schon im Untersuchungsbericht der tschechischen Kommission von 1947 von 763 exhumierten Toten die Rede war. Es mache also wenig Sinn, die Zahl der Opfer auf 600 herunterreden zu wollen.

Der Stellvertretende Bürgermeister, Herr Dvořák, erzählte, dass seine Mutter mit der Mutter eines der ermordeten Knaben befreundet gewesen sei und dass Herrn Dvořáks Mutter den Mord an dem Jungen ihr Leben lang nicht verarbeiten konnte. Herr Hertl von der Launer Zeitung Svobodný Hlas meldete sich zu Wort und sagte an die Adresse des Saazer Bürgermeisters, es wäre angemessen gewesen, wenn er wie seinerzeit Willy Brandt  in Warschau an der Stätte des Massakers einen Kniefall getan hätte. Ein Aussiger Journalist fragte, warum nicht schon längst ein Denkmal für die ermordeten Deutschen errichtet worden ist, man hätte sich darum allzu lange Zeit herumgedrückt, und es wäre die allerhöchste Zeit. Der Saazer Bürgermeister antwortete in dem Sinne, dass die Stimmung in Saaz dazu bisher sehr negativ war, und dass er für so ein Vorhaben die nötige Stimmenmehrheit brauche.

Ich habe mich zu Wort gemeldet und habe darauf hingewiesen, dass ein Vorschlag für eine Gedenktafel vorliege, die vom Kulturkreis vorgeschlagen worden ist, deren Inschrift in der Sitzung des Kulturkreises Saaz einstimmig angenommen und von den anwesenden Vertretern vom Vorstand der Rodáci ebenfalls gutgeheißen wurde. Der Vorstand habe versprochen, die Gedenktafel zur Tausendjahrfeier der Stadt Saaz im Jahr 2004 zu enthüllen. Ich habe weiter vorgeschlagen, nicht nur in Saaz eine Gedenktafel aufzustellen, sondern auch ein Kreuz im Fasanengarten, das an die Massenmorde an unseren Landsleuten erinnern soll. Ich wies noch darauf hin, dass Morde an Deutschen sich nicht nur in Saaz und Postelberg zugetragen hätten, und berichtete von der Erschießung des im Garten spielenden Enkelkindes von Frau Blumauer, wohnhaft in einem Haus zwischen Bezdiek und Saaz, durch einen Soldaten in tschechischer Uniform.

Das Thema der Gedenktafel wurde auch von unserem Landsmann Eberhard Heiser mit Argumenten und Vorschlägen aufgegriffen. Peter Klepsch meldete sich zu Wort und legte dar, man solle nicht den Kommunalpolitikern den Schwarzen Peter zuschieben, weil die Schuld in Prag liege, wo man jahrzehntelang die öffentliche Meinung manipuliert habe.

Diese Gedenkfeier an die ermordeten deutschen Saazer Bürger mit der Aussage von Augenzeugen, der Kranzniederlegung und der Pressekonferenz fand in einem würdigen Rahmen statt und hat die Teilnehmer tief bewegt. Sie war auch dazu angebracht, gegen das Vergessen anzukämpfen, und hat durch die Anwesenheit der tschechischen Journalisten eine Möglichkeit erschlossen, die tschechische Öffentlichkeit zu informieren und Gefühle des begangenen Unrechts zu wecken. Viele tschechische Zeitungen haben am nächsten Tag auf den Titelseiten berichtet. Mit diesem Echo in der Presse der Tschechischen Republik wurde endlich ein Durchbruch in der Publizität dieser lange verschwiegenen Massenmorde erzielt. Es ist bedauerlich, dass dieses Ereignis in den deutschen Blättern kaum Beachtung fand.