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Gerechter unter den Völkern

Saazer Bürger erhalten die höchste Auszeichnung des Staates Israel für Nichtjuden

Der israelische Botschafter mit den Geehrten

Josef Širc, Jaroslava Říhová und Eliška Dvořáčková erhielten im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in der Saazer Synagoge stellvertretend für ihre jeweiligen Eltern, die Geschwister Václav Širc und Marie Kelnerová, für die Rettung eines jüdischen Mädchens vor dem Holocaust den Titel „Gerechte unter den Völkern“. Die Geschwister Širc stammten aus Wolhynien in der Ukraine, von wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg zur Neubesiedelung des Saazerlandes kamen. Der Ingenieur Václav Širc (1919-2002) lebte dort in Imling (Jimlín) und lehrte in Saaz an der Landwirtschaftsschule. Er ist Autor der Chronik seines Heimatortes Volkov, die er 1980 mit Hilfe von Petr Šimáček herausgegeben und veröffentlicht hat [1].

Václav Širc

Václav Širc hatte zusammen mit seiner Schwester Marie noch in der wolhynischen Heimat das jüdische Mädchen Rachel Rabinovicz, das seine Familien verloren hatte, halb verhungert im Wald aufgefunden, mit Unterstützung ihrer eigenen Familie versteckt und somit vor dem Holocaust gerettet. „Ich, meine Mutter und meine Kinder, werden den Geschwistern ewig dankbar sein“, erklärte Rachels Tochter Yaffa Riesenfeld, die zu der Ehrung aus den USA angereist war. „Als ich mit meiner 93-jährigen Mutter sprach, die bereits vieles vergessen hatte, und sagte, dass ich zu dieser Zeremonie nach Saaz fahren würde, fing sie an zu weinen. Sie hat seit Jahren nicht mehr geweint.“

Die Ehrung „Gerechte unter den Völkern“ wird seit 1963 an Personen verliehen, die unter dem Nationalsozialismus ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Inzwischen wurden mit dem Titel mehr als 27.000 Menschen ausgezeichnet, einschließlich der Familienangehörigen, mit denen sie Juden beim Überleben geholfen haben. Den Geehrten wird eine Ehrenurkunde und eine Medaille verliehen. Letztere trägt jeweils den Namen des Retters und den Spruch: „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ [2]    Außerdem werden ihre Namen auf der Ehrenwand im Garten der Gerechten in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem verewigt.

Yad Vashem-Ehrenmedaille, Rückseite

Die Auszeichnungen wurde vom israelischen Botschafter in der Tschechischen Republik, Daniel Meron, überreichte. An die zweihundert Gästen und Besucher nahmen an dem Festakt in der Saazer Synagoge teil, der von einem musikalischem Programm mit jüdischen Melodien begleitet war. Ausführende waren der Kammerchor der Saazer Musikschule und der Saazer Laienchor unter Leitung von Elizabeth Urbancová. Zu den Rednern und Gästen gehörten die Bürgermeisterin von Saaz und Senatorin Zdenka Hamousová, der Landeshauptmann der Region Aussig Oldřich Bubeníček, die Vertreter der jüdischen Gemeinde Teplitz Michál Lichtenstein und Gabriele Beck, Mitglieder des diplomatischen Korps, darunter der argentinische Botschafter Roberto Salafia, sowie die Veranstalter Petr Šimáček für die „Landsleute und Freunde der Stadt Žatec“ und Otokar Löbl für den „Förderverein der Stadt Saaz|Žatec“.

Die Ehrung der „Gerechten unter den Völkern“ war Teil des jährlichen Gedenkens an die jüdischen Opfer der „Kristallnacht“ 1938. „Wir halten diese Gedenkveranstaltungen ab, weil die Bedrohung der Juden durchaus aktuell ist und die meisten Menschen in Tschechien über die früheren Verfolgungen nicht viel wissen“, erklärte Petr Šimáček der Zeitung Žatecký Noviny, und Otokar Löbl ergänzte: „So wissen zum Beispiel in Saaz nur wenige Menschen, dass in ihrer Stadt, die UNESCO-Weltkulturerbe werden will, viele Häuser, Geschäfte und Hopfenlager von Juden erbaut wurden. Sie und ihre Nachkommen leben hier alle nicht mehr.“

Bericht des tschechischen Fernsehens „Televize Žatec“:

[1] Václav Širc: Stopy zaváté časem. Kronika Volkova a přilehlých obcí [= Spuren verschwinden mit der Zeit. Chronik von Volkov und angrenzenden Gemeinden]. Lipenec 1980.

[2] Zitat aus dem Mischna-Traktat Sanhedrin des babylonischen Talmuds.

Prager Frühling: Hoffnung auch für die deutsche Minderheit

„Als ich mich gestern an die Maschine setzte, war ich mir dessen bewußt, daß irgendwann einmal ein Redakteur oder irgendjemand anderer in einem Archiv diese Ausgabe suchen wird, um nachzulesen, wie es damals war …“ (Karl Forster)

Der „Prager Frühling“ und die folgende Okkupation der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion jährt sich zum fünfzigsten Mal: Zeit, sich aus der Distanz dieses epochale Ereignis, das in einer Reihe mit dem politischen Aufbegehren der „Achtundsechziger“ in Europa gegen die alte Ordnung zu sehen ist, zu vergegenwärtigen, zu bewerten und in die Gegenwart einzuordnen. Für das Verhältnis von Tschechen und Deutsche war es insofern bedeutsam, als sich die deutsche Minderheit Hoffnungen auf größere Freiheit auch für sich selbst machte. Sie gehörte zu den entschiedensten Unterstützern von Dubceks Reformpolitik. Vorstandsmitglied Helmut Schneider berichtet über die Veranstaltung „50 Jahre Prager Frühling. Hoffnung und gewaltsames Ende eines sozialistischen Experiments“.

Der Förderverein der Stadt Saaz|Žatec hatte in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Slowakischen-Kulturverein Frankfurt und der Katholischen Akademie Rabanus Maurus zu einem informativen Abend eingeladen, bei dem in Form einer Podiumsdiskussion die Ereignisse rund um den „Prager Frühling“ sowie ihre Konsequenzen für die aktuelle Politik erörtert werden sollten.

Rund 200 Zuhörer fanden sich dazu am 16. August 2018 im „Haus am Dom“ ein. Nach einer kurzen filmischen Zusammenfassung der Geschehnisse begann, moderiert von Dr. Thoman Dürbeck, die erste Runde der Podiumsgespräche. Drei Zeitzeugen schilderten ihre persönlichen Erlebnisse, Befindlichkeiten und Erfahrungen während und nach der „Frühlingszeit“: Peter Repka (slowakischer Publizist und Schriftsteller), Ivana Palek (Tochter des seinerzeit einflussreichen Wirtschaftswissenschaftlers Jiři Kosta) und Libor Rouček (Abgeordneter im Europa-Parlament).

Im Anschluss an die individuellen anschaulichen Berichte der Zeitzeugen hatten die renommierten Journalisten Boris Reitschuster und Reinhard Veser die Aufgabe, die Thematik „Sozialistisches Experiment“ aus einem distanzierteren Blickwinkel zu analysieren. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen standen drei Themen. Zunächst wurde die historische Entwicklung der ČSSR in der Nachkriegszeit referiert und über ihre Position innerhalb des „Ostblocks“ durchaus kontrovers diskutiert. Außerdem beschäftigten sich die beiden Journalisten mit der Frage, ob und inwieweit ein engagiertes Eingreifen der Westmächte oder ein couragierteres Verhalten der Prager Regierung gegenüber der Sowjetmacht ein totales Scheitern der Reformen hätte verhindern können.

Einen aktuellen Bezug hatte das dritte Thema: Ist das heutige Russland unter Putin nach wie vor ein zu fürchtender aggressiver Staat? Boris Reitschuster nahm dazu eindeutig Stellung: Russlands Außenpolitik dürfe keinesfalls allzu tolerant akzeptiert werden. Eine lebhaften Publikumsdiskussion schloss sich an.

Ein großer Saazer hat Geburtstag

Prof. Dr. rer. nat. Adalbert Wollrab ist 90 Jahre alt

Professor Wollrab gehörte zu jenen Deutschböhmen, denen die Versöhnung von Deutschen und Tschechen auch in den schwierigen Zeiten des Kalten Krieges eine Herzensangelegenheit war. Er unterstützte den „Saazer Weg“ des Fördervereins und vermittelte nach der Wende engagiert zwischen beiden Seiten. Die erziehungswissenschaftliche Fakultät der Karlsuniversität in Prag ernannte ihn 1992 zu ihrem Ehrenmitglied, die Tschechische Chemische Gesellschaft ehrte ihn im Jahr darauf mit der Hanuš-Medaille. Seit 2002 ist er Mitglied der Sudetendeutschen Akademie der Kunst und Wissenschaften in München.

Adalbert Wollrab ist am 9. Juni 1928 in Saaz geboren. Seine Familie wurde nach Kriegsende als antifaschistisch anerkannt. Deshalb durfte er nach dem Krieg als Siebzehnjähriger in der Tschechoslowakei bleiben. 1952-1958 studierte er in Prag Chemie und schloss mit der Promotion ab. Danach forschte er am Institut für organische Chemie und Biochemie der Akademie der Wissenschaften in Prag. Nach der sowjetischen Invasion flüchtete er 1968 in die Bundesrepublik. Nach drei Jahren Schuldienst als Gymnasiallehrer erhielt er einen Ruf als Professor in Gießen. Dort leitete er viele Jahre lang das Institut für Didaktik der Chemie. Neben seinen vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen verfasste er auch drei Lehrbücher, darunter das immer wieder neu aufgelegte Lehrbuch für Organische Chemie.

„Bert“ Wollrab, wie ihn seine Freunde nennen, engagiert sich seit den achtziger Jahren für die Erinnerung an das deutsche Erbe im Saazer Land und die historische Aufarbeitung des Kriegs- und Nachkriegsereignisse in Saaz und Postelberg. Dabei gehört er zu den unterscheidungsfähigen Menschen, die sich nicht von Trauer, Schmerz und Hass davontragen lassen. Allen politischen Leidenschaften und Widerständen zum Trotz suchte er zwischen den oft verhärteten Fronten der Sudetendeutschen und Tschechen nach Möglichkeiten zu Dialog, Aufklärung und Versöhnung. Seine Kenntnis der tschechischen Sprache und das Verständnis für die Mentalität seiner langjährigen Mitbürger jenseits des Böhmerwaldes machte ihn dabei zu einem geeigneten Vermittler. Als Dolmetscher wirkte er bei vielen Begegnungen und Veröffentlichungen hilfreich mit.

Der Förderverein der Stadt Saaz|Žatec dankt Adalbert Wollrab für seine Arbeit im Dienste der deutsch-tschechischen Versöhnung von ganzem Herzen und und wünscht ihm zu seinem Geburtstag alles Gute.

Warum? Zur Gründung des Fördervereins vor fünfzehn Jahren

Der folgende programmatische Text aus dem Gründungsjahr 2003 des Fördervereins ist fünfzehn Jahre danach immer noch aktuell. Er wird deshalb zur Erinnerung noch einmal veröffentlicht.

Von Otokar Löbl | Georgensgmünd 20. Mai 2003, überarbeitet am 6. Januar 2018

Man wird uns fragen: warum? Es gibt ja schon den Kulturkreis Saaz und den Heimatkreis in der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Warum dann noch einen Verein für Saaz? Haben die Vereine vielleicht eine unterschiedliche Zielsetzung? Was verbindet uns andererseits mit den älteren Vereinen und Organisationen?

Otokar Löbl 2003

Ich möchte zuerst feststellen, was uns verbindet. Ich glaube, dies ist die Liebe zu unserer Heimatstadt Saaz, die jetzt Žatec heißt, wo viele von uns das Licht der Welt erblickt, ihre Kindheit oder Jugend verbracht oder von der ihre Eltern erzählt haben. Deswegen fühlen wir uns mit dieser Stadt und Landschaft verbunden. Damit enden aber in vielen Fällen auch schon die Gemeinsamkeiten. Die Wege, Interessen und Ziele gehen doch oft auseinander.

Dafür gibt es verschiedene Gründe: persönliche Erlebnisse und Erfahrungen, Erziehung und leider auch politische Einstellungen. Morde an Familienmitgliedern oder Verbrechen am eigenen Leibe und schließlich die ungerechte Vertreibung und Enteignung leben bei vielen traumatisch nach und belasten das Verhältnis zu den heutigen Stadtbewohnern. Dass diese Verbrechen nicht öffentlich untersucht, nicht zugegeben und schon gar nicht gesühnt wurden, führte bei vielen unserer Landsleuten zu Verbitterung und Hass auf alles, was tschechisch ist. Bei einigen wirkte sich außerdem die nationalsozialistische Erziehung prägend auf ihre politischen Überzeugungen aus. Dies alles nehmen wir mit mehr oder weniger Verständnis zur Kenntnis.

Unsere Sicht auf Saaz und das deutsch-tschechische Verhältnis ist allerdings in vielerlei Hinsicht eine andere. Wir wollen den „Saazer Weg“ beschreiten, der sich bemüht, Verletzungen zu überwinden und sich der Geschichte vorurteilslos und zukunftsgewandt zu stellen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nicht nur auf deutscher, sondern auch auf tschechicher Seite Ressentiments und Irrtümer gibt, die zu überwinden sind. Deshalb wollen wir in historischen Seminaren und Veröffentlichungen den Menschen hüben und drüben die vollständige Geschichte der Stadt näher bringen. Vor allem die Jugend soll erfahren, dass es in der Vergangenheit nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern dass Schuld und Leid zwischen Völkern meist gleichmäßig verteilt sind. Wir sind außerdem der Ansicht, dass Schuld immer persönlich ist und nachfolgende Generationen nicht damit gelasten werden dürfen.

Deshalb wollen wir nicht in der Vergangenheit leben, sondern Deutsche und Tschechen in der Gegenwart neu und vorurteilsfrei zusammenbringen. Das betrifft das kulturelle Leben ebenso wie Wirtschaft und Sport. Wir wollen Saaz, nicht zuletzt berühmt durch sein Bier, in Deutschland als Tourismusort bekannt machen und damit die hiesige Wirtschaft stärken. Damit soll die ehemalige Königsstadt in Böhmen ein Stück ihrer alten Bedeutung zurückerlangen. Auch wollen wir bei den Integrationsbemühungen in die EU nach unseren Möglichkeiten behilflich sein.

Wir  sehen nach vorne. Dazu gehört, dass unbewältigte Geschichte gemeinsam aufgearbeitet wird. Altlasten gibt es dabei auf beiden Seiten. Vor allem aber wollen wir dazu beitragen, dass sich „unser“ Saaz als moderne, attraktive Stadt mit aufgeschlossenen Einwohnern und einer großen Vergangenheit präsentiert. Teil dieser Vergangenheit sind Deutsche, die diese Stadt über Jahrhunderte wirtschaftlich und kulturell prägten. Dieses deutsche Erbe, das in den Bauten der Stadt allgegenwärtig ist, zu erforschen, zu pflegen und als das Eigene zu verstehen: dazu wollen wir die heutigen Einwohner von Saaz|Žatec ermutigen.

Der Welt frei und offen begegnen

Der Förderverein stellt sich Fragen von tschechischen Gymnasiasten

Im Vorfeld der Mitgliederversammlung am 11. November 2017 in Saaz folgte der Förderverein einer Einladung des Gymnasiums Podersam zur Diskussion über die Zukunft von Deutschen und Tschechen. In Prag hatte er zuvor im „Haus der Minderheiten“ den Videofilm „Das Saazerland“ gezeigt. Am 9. September wurde wieder der Schändung der Saazer Synagoge in der „Reichskristallnacht“ gedacht (tschechischer TV-Bericht).

Vier Mitglieder des Fördervereins stellten sich am 10. November 2017 den Fragen der tschechischen Gymnasiasten von Podersam|Podbořany bei Saaz. Nachdem Otokar Löbl Ziele und Arbeit des Fördervereins vorgestellt hatte, sprach er über die Lehren, die uns der tschechische Philosoph Jan Patočka (1907-1977) zum Thema Freiheit und Demokratie geben kann. Patočka, ein Mitunterzeichner der „Charta 77“, verstand Freiheit nicht als Ausleben von Individualismus, sondern als Aufforderung zu eigenem Denken, Weltoffenheit und als freie Hinwendung zum Mitbürger. Löbl hob dabei hervor, dass selbständiges Denken und Recherchieren vor den Lügen, „Fake News“ und „alternativen Fakten“ schützt, die heute die Wirklichkeit zu verzerren drohen.

Die Schüler hatte erst einmal Fragen zu den Deutschen und den schrecklichen Nachkriegsereignisse in Saaz und Postelberg. Löbl verwies dabei auf die zweisprachige Dokumentation über den Fall Postelberg, die sich als Spende des Fördervereins in der Schulbibliothek befände. Eine Schülerin sprach darüber, dass es in ihrer Familie viele deutsche Vorfahren gebe und dass die Spuren der deutschen Vergangenheit auch im Podersamer Land noch sichtbar seien. Viele hätten dazu heute eine positive Einstellung. Die Antworten der deutschen Gäste Gerhard Gerstenhöfer, Andreas Kalckhoff und Helmut Schneider wurden aufmerksam vernommen und gaben Anlass zu neuen Fragen.

Danach kehrte das Gespräch in die politische Gegenwart zurück, in der das Verhältnis zu den Deutschen eine weniger zentrale Rolle einnimmt als die eigenen Probleme mit Freiheit und Demokratie. Tatsächlich äußerten die Schüler Unzufriedenheit und Ratlosigkeit hinsichtlich des Zustands ihrer Gesellschaft. Kalckhoff verwies als mögliche Antwort auf den tschechischen Politologen Bohumil Doležal, der beklagt, dass die von den Kommunisten zerstörte Zivilgesellschaft noch nicht wieder vollständig erneuert sei. Gesellschaft ist nämlich nicht nur eine Anhäufung von Individuen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, sondern sie kann als Träger des Staates und Kontrolleur der Regierenden nur funktionieren, wenn ihre Mitglieder als Bürger gemeinsam handeln und gemeinsamen Werten verpflichtet sind. Statt auf den Staat, die EU oder die Parteien zu warten, so Kalckhoff, sei es an jedem Einzelnen, sich zu engagieren und zu widersprechen.

Gäste im Gymnasium, mit Lehererinnen (v.l.n.r.) Lehgrerin, Otokar Löbl, Helmut Schneider, Lehrerin, Gerhard Gerstenhöfer, Andreas Kalckhoff)

Gedenken an die „Reichskristallnacht“ (Tschechisches Fernsehen):

Literaturvorschlag zu Jan Patočka

Das Saazer Land im Film verewigt

Von Patrik Schumacher | Landesecho, Prag 15. Juni 2017

Am Pfingstmontag feierte die Dokumentation „Das Saazer Land – Eine Geschichte von Deutschen und Tschechen“ in Theater Saaz (Žatec) vor rund 400 Gästen ihre Premiere. Inhaltlich veranschaulicht der hundertminütige zweiteilige Film die ereignisreiche Geschichte der nordböhmischen Hopfenstadt Saaz (Žatec).

Für die Dreharbeiten der Doku in deutsch-tschechischer Koproduktion, zeigte sich das Filmstudio Sirius aus dem thüringischen Saalfeld verantwortlich. „Den Film haben wir innerhalb von drei Jahren gedreht, in denen wir vielen liebevollen Menschen begegnet sind, welche uns stets bei den Drehs geholfen haben“, sagte Jorg Schilling von Sirius.

Deutscher oder Tscheche? Saazer! Andreas Kalckhoff, Otokar Löbl, Petr Šimáček (v. l. n. r.) feiern die Premiere
ihrer Hommage an ihre Heimatstadt

Der Film „Das Saazer Land“ beleuchtet nicht nur die Geschichte von Tschechen, wie der Titel ankündigt. Sondern geht auch den Weg der Stadt und ihrer Entwicklung vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nach. „Der Film will dem Zuschauer nahe bringen, in welcher Art und Weise die verschiedenen Nationalitäten zur Entwicklung der Region beitrugen, wie ihre Schicksale verknüpft waren und wie daraus auch ab und zu Konflikte entstanden, deren Ursprung jedoch weit von der beschriebenen Region entfernt lag“, erklärt Otokar Löbl, Vorsitzender des Ackermann aus Böhmen-Instituts, das sich der Erforschung der Geschichte der Stadt Saaz und ihres Umlands widmet und Co-Autor der Doku. Besonders wertvoll, so Löbl, sind die Erinnerungen der deutschen und tschechischen Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen. Ihre Berichte werden ergänzt durch Kommentare von weiteren Fachleuten. Sie zeichnen ein ausführliches Bild über die die Stellung, die die Stadt Saaz seinerzeit in Böhmen einnahm.

Neuer Glanz für alte Stadt

Ein bisschen ihrer damaligen Bedeutung möchte der Film, der in der Zusammenarbeit mit dem deutsch-tschechischen „Verein der Landsleute und Freunde der Stadt Saaz“ entstand, der Stadt heute zurück verleihen. Denn die spannende Geschichte der Stadt ist Ende des Zweiten Weltkriegs fast in Vergessenheit geraten. „Nur mit vereinten Kräften können wir es schaffen, Saaz sein verlorenes Gesicht wiederzugeben“, sagt Petr Šimaček, der Vorsitzende des Vereins. Zusammen mit Otokar Löbl und anderen Deutschen und Tschechen aus Saaz will Šimaček die Stadt wieder zu einem bedeutenden Ort auf der Landkarte Tschechiens zu machen. „Zu denen gehört die Stadt nämlich historisch und faktisch seit Jahrhunderten. Die Doku ist hier nur ein weiterer Schritt. „Einen so umfangreichen Film über Saaz gab es noch nie“, freut sich Šimaček.

Vor allem die jüngere Generation soll mithilfe dieser Doku angeregt werden, Interesse für die historische Stadt an der Eger (Ohře) und ihrer reichen Geschichte zu entwickeln. Deshalb wird diese Doku auch in manchen Schulen als Lehrmaterial eingeführt. Das, so hoffen die Filmemacher, schafft die Zukunft, die Saaz braucht.

Die Dokumentation „„Das Saazer Land – Eine Geschichte von Deutschen und Tschechen“ ist in deutscher und tschechischer Version auf Amazon erhältlich. Für den Herbst ist eine Vorführung des Films mit anschließender Diskussion im Pager Haus der nationalen Minderheiten geplant.

Das Saazer Land (DVD und Blu-Ray, deutsch und tschechisch) | Bestellung

Redaktioneller Nachtrag:

Der tschechische Fernsehsender ČT24 berichtete am 17. Juni 2017 über die Veranstaltung mit Stellungnahmen der Zeitzeugin Uta Reiff, des Historikers Petr Hlavaček, des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Oldrich Latal sowie Petr Šimaček:

Offene Wunden

Viele Nationen leben mit einer Wunde, die Ihnen zu schaffen macht – eine Wunde der Schande. Es sind dies Ereignisse, über die am Liebsten geschwiegen würde, die aber doch immer wieder zur Sprache kommen. In den USA ist dies der Vietnamkrieg, in Deutschland sind es die Kriegsverbrechen und die Judenvernichtung, in Frankreich die Kollaboration mit den Deutschen und der Algerienkrieg. Die Tschechen wurden nach der Wende mit der Vertreibung der Deutschen konfrontiert. Wir stellen heute ausnahmsweise einen Aufsatz vor, der nichts mit Saaz oder den Deutschen in Böhmen zu tun hat, aber doch beide, Tschechen und Deutsch-Böhmen angeht. Eine Deutsch-Französin schreibt darin über die „Algerische Wunde“. Sie zeigt, wie schwer es oft ist, die Wahrheit zu ertragen und dass es offensichtlich junge Leute braucht, um der Vergangenheit mutig ins Gesicht zu sehen.

Die Algerische Wunde

Von Cécile Calla | Süddeutschen Zeitung 27. Februar 2017

Cécile Calla war Korrespondentin der französischen Tageszeitung Le Monde und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins ParisBerlin.

Es gibt derzeit eine Diskussion in Frankreich, die scheint in der deutschen Öffentlichkeit fast unbemerkt geblieben zu sein. Während eines Besuches in Algerien Mitte Februar bezeichnete der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron die Kolonisierung als ein Verbrechen gegen die Menschheit und forderte, der französische Staat müsse sich dafür offiziell entschuldigen. Das rief Entrüstung im rechten Lager, Verwunderung bei den anderen Kandidaten für den Elysée-Palast und eine heftige Debatte quer durch die Medien aus. Man kann darüber streiten, ob dieser Begriff angemessen war, oder ob er dies heikle Thema nicht besser in Frankreich hätte ansprechen sollen. Dennoch war es mutig, denn damit hat er den Finger in eine der schmerzlichsten Wunden der französischen Nation gelegt. Die Kolonisierung und ihr Ende, der Algerienkrieg, gehören zu einer Vergangenheit, die noch nicht bewältigt ist.

Die Erinnerung daran schmerzt auch heute noch, weil Millionen Franzosen einen persönlichen Bezug zu der Geschichte haben, sei es durch ihre algerischen Wurzeln, ihre Erfahrung als Soldat oder weil sie als pied-noir (Franzosen aus Algerien) dort aufgewachsen sind. Es erklärt zum Teil die Spaltung der französischen Gesellschaft, die Ausschreitungen in den armen Banlieues, wo überdurchschnittlich viele Menschen aus dem Maghreb wohnen, und die autoritären Tendenzen, die besonders, aber nicht nur in der rechtsextremen Partei Front National aufscheinen. Mitte Februar waren wieder einige Vorstädte in Aufruhr, nachdem ein junger Schwarzer von der Polizei Anfang Februar schwer misshandelt worden war. Seit der Affäre, die Solidaritätsdemos in vielen Städten ausgelöst hat, stellt sich wieder die Frage nach dem Fortbestehen, wenn auch nur vereinzelt, eines postkolonialen Rassismus innerhalb Frankreichs.

Generationen französischer Kinder – und zu denen gehöre ich – wurde allzu lange eine einzige Perspektive vermittelt: die „Größe“ des französischen Kolonialreichs und die Vorzüge dieses „zivilisatorischen“ Prozesses für die Kolonien mit dem Aufbau von Infrastruktur, einer modernen Landwirtschaft, einem modernen Staatsapparat und anderem. Die dunklen Seiten, Massaker, Repression, Diskriminierung der dortigen Bevölkerung – alles Verstöße gegen die Menschenrechte – wurden kaum und nur am Rande erwähnt.

Befürworter eines französischen Algerien verhalfen dem Front National zu ersten Erfolgen

Von allen Kolonien hat Frankreich zu Algerien die emotionalste und zugleich schwierigste Beziehung. Algerien war nicht nur eine der ältesten Kolonien, 1848 bekam es den Status eines französischen Départements, es wurde auch sehr früh von Franzosen bewohnt. Etwa eine Million Franzosen lebten 1954 bei Ausbruch des Krieges in Algerien. Die Städte, Landschaften und Kultur prägten die Welt vieler Schriftsteller und Romane wie „Der Fremde“ von Albert Camus. Der Algerienkrieg und die Perspektive der Unabhängigkeit spaltete Frankreich, besiegelte das Ende der Vierten Republik und löste eine Gewaltwelle auf beide Seiten des Mittelmeeres aus. Die französische Armee und die Polizei scheuten nicht vor brutalen Methoden, auch der Folter zurück.

Auch das Ende des Konflikts war kein Ruhmesblatt. Ein Teil der frankreichtreuen Algerier, die in der französischen Armee dienten – die „Harkis“, wurde nach Frankreich in unwürdige Lager gebracht, während die anderen im Stich gelassen und oft von den Truppen der Nationalen Befreiungsfront (FLN) massakriert wurden. Etwa 800 .000 pieds noirs kehrten in ein überfordertes Mutterland zurück. Eine Amnestie wurde erlassen, mit der Folge, dass sich ein schamhaftes Schweigen für die zwei folgenden Jahrzehnte ausbreitete. Erst in den 1980er-Jahren, in denen der mit vielen Befürwortern eines französischen Algerien 1972 gegründete Front National seine ersten Wahlerfolge erlebte, schaffte sich diese Geschichte langsam einen Weg in das kollektive Bewusstsein.

Der entscheidende Schritt kam aber erst in den 1990er-Jahren, als sich viele Historiker mit dem Thema befassten. 1999 sprach die Assemblée Nationale zum ersten Mal offiziell von einem „Krieg“. Im Folgejahr löste das Geständnis eines ehemaligen Generals über die Praxis der Folter in der französischen Armee eine heftige Diskussion aus. Im vorigen September machte Präsident François Hollande offiziell die französischen Regierungen (und nicht den französischen Staat) verantwortlich für das tragische Schicksal der Harkis.

Der Prozess der Verdrängung lässt sich illustrieren am Beispiel der Nacht des 17. Oktober 1961. Die Pariser Polizei, die unter dem Befehl des Präfekten Maurice Papon (1998 für Verbrechen gegen die Menschheit während der deutschen Besatzung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt) stand, schlug eine friedliche Versammlung von Algeriern, die trotz Ausgangssperre demonstrierten, blutig nieder. Es gab Tote, Verletzte, viele Verschwundene und Tausende Verhaftungen. Und das mitten in der Hauptstadt. Offiziell sprach die Polizei von sieben Toten, erst 1998 wurde die Zahl auf 32 korrigiert. Die endgültige Zahl, – manche Historiker sprechen von bis zu 200 Toten – bleibt umstritten. Trotzdem verschwand dieses Ereignis für mehr als 30 Jahre aus dem kollektiven Bewusstsein. Erst 1999 bezeichnete ein Pariser Gericht dieses Ereignis als Massaker, 2001 wurde von der Stadt Paris eine Gedenktafel auf der Brücke St. Michel eingeweiht.

Das rechtskonservative Lager kritisiert scharf die „Kultur der Reue“

Bis heute hat der französische Staat seine Verantwortung für dieses Massaker nicht anerkannt, Präsident Hollande erkannte 2012 nur die blutige Repression an. Wahrscheinlich wegen seines jungen Alters (39 Jahre) fühlt sich Macron nicht mehr an dieses Schweigen gebunden und kann solche Aussagen machen. Vielleicht dachte er auch an Deutschland, das als Vorbild für eine gelungene Auseinandersetzung mit seiner Nazivergangenheit gilt. Der Pro-Europäer Macron schien beeindruckt zu sein von der deutschen Gesellschaft, die trotz des Anschlags im Dezember standhaft blieb. Im rechtskonservativen Lager kritisiert man scharf diese „Kultur der Reue“. Vergangenen Herbst forderte der Kandidat der Konservativen, François Fillon, einen Geschichtsunterricht, der die „nationale Erzählung“ den kleinen Franzosen beibringt, damit sie einig und stolz auf ihr Land blicken können. Marine Le Pen, die derzeit in den Umfragen führt, würde es kaum besser formulieren.

Bleibt abzuwarten, ob die Franzosen tatsächlich weiter dieser Lektüre der Vergangenheit folgen möchten oder ob sie sich mutig ihrer Geschichte in allen Aspekten stellen wollen und dadurch mit mehr Vertrauen in die Gegenwart und Zukunft schauen. Anfang Mai wird Frankreich zeigen, wohin die Reise führt.